IHK Bonn/Rhein-Sieg

Zeitschrift DIE WIRTSCHAFT

Wie Unternehmen akademische Fachkräfte finden

13.12.2018

Der Weg aus der Wissenschaft in die Wirtschaft

Studierende der Alanus Hochschule, AlfterDie IHK Bonn/Rhein-Sieg hat mit vier Hochschulen der Region Kooperationsverträge. Ziel ist, Wirtschaft und Wissenschaft enger miteinander zu vernetzen (www.wirtschaft-wissenschaft.de). Dazu gehört auch, Unternehmen bei der Suche nach akademischen Fachkräften zu unterstützen.

„Für viele Hochschulabsolventen ist das Gehalt nicht mehr der entscheidende Faktor, wenn sie sich für einen Arbeitgeber entscheiden. Sie möchten vielmehr die Möglichkeit haben, ihre Arbeit flexibel zu gestalten. Dazu gehört das Home-Office, um lange Pendlerzeiten zu vermeiden.“ So Dustin Lang, Vorstandsvorsitzender von MarcAurelConsult, studentische Unternehmensberatung e.V. Der Verein – von Studenten der Universität Bonn gegründet – berät Unternehmen u.a. zur Personalentwicklung.

Lang selbst studiert im siebten Semester Jura. Personalverantwortlichen empfiehlt er, dem akademischen Fachkräftenachwuchs von Anfang an klare Karriereperspektiven aufzuzeigen. „Wichtig ist auch, Weiterbildungen anzubieten und sie zu finanzieren.“ Hochschulabsolventen sind heute in der komfortablen Position, Ansprüche an ihren Arbeitgeber stellen zu können. Zwar sind akademische Fachkräfte längst nicht so dringend gesucht wie junge Menschen mit dualer Berufsausbildung. Dennoch fehlten dem IHK-Fachkräftemonitor zufolge bereits 2017 3.200 Akademiker in der Region. Tendenz steigend. Vor allem Manager, Ingenieure und Informatiker werden dringend gesucht. Die Nachfrage nach Bachelor- Absolventen steigt.

Bonner Studierende bleiben gern am Rhein

Alle Hochschulen der Region, mit denen die IHK Bonn/ Rhein-Sieg kooperiert, pflegen den Kontakt zur Wirtschaft. Ziel ist dabei der Wissens- und Forschungstransfer aus den Hochschulen in die Unternehmen – auch durch Fachkräfte. „Es gibt vielfältige Modelle, um Studierende und Unternehmen in Kontakt zu bringen“, sagt Dr. Martina Krechel-Engert, Geschäftsführerin des Rektorats der Universität Bonn.

Eine Möglichkeit ist der Digital Hub, in dem Startups, etablierte Unternehmen und Forschungseinrichtungen sich vernetzen, um digitale Geschäfte und Produkte voranzutreiben. Die Universität Bonn ist Aktionärin. „Für uns ist es wichtig, dass bei Beteiligungen an Unternehmen des Digital HUB sichergestellt ist, dass Wissens- oder Technologietransfer zwischen den Hochschulen und dem Unternehmen stattfindet“, sagt Krechel-Engert. „Das kann sehr unterschiedlich aussehen. Gemeinsame Forschungsprojekte, Beschäftigung von Werksstudenten oder Auftragsforschung sind solche Formate.“

Das Beschäftigen von Studierenden und die gemeinsame Forschung sind geeignete Wege, um spätere Fachkräfte kennenzulernen. „Wenn die Deutsche Telekom z.B. mit unserem Institut für Informatik zusammenarbeitet, trifft sie auf gut ausgebildete junge Leute, die zum Unternehmen passen und stellt sie ein“, sagt Krechel-Engert. Große Anwaltskanzleien gehen direkt in die juristische Fakultät, bieten Veranstaltungen an und knüpfen Kontakte. Die Chancen, junge Menschen aus der Region für das eigene Unternehmen zu gewinnen, stehen gut. 60 Prozent der Absolventen der Universität Bonn möchten in Bonn/Rhein- Sieg bleiben.

Mensa wird zum Karrierecenter

Karrieretage, zu denen die Hochschulen einmal im Jahr Unternehmen einladen, sind ebenfalls beliebt, um akademischen Nachwuchs kennenzulernen. Monatelang bereitet die Hochschule Bonn-Rhein-Sieg ihren jährlich stattfindenden Unternehmenstag am Campus Sankt Augustin vor. Dann verwandelt sich die Mensa zum Karrierecenter. Kaum haben die letzten Studenten um 14 Uhr ihre Tabletts auf den Geschirrwagen gestellt, rücken 30 Hilfskräfte an. Sie räumen Tische, Stühle und Pflanzen weg, stellen Schilder auf und kleben Standmarkierungen auf den Boden. Um 16 Uhr kommen die ersten Unternehmen, um ihre Infostände aufzustellen. Am nächsten Tag findet die Karrieremesse für Studierende und Berufseinsteiger statt.

„Wir verschenken keinen Quadratmeter, die Plätze sind sehr begehrt“, sagt Dr. Udo Scheuer, Leiter des Zentrums Wissenschafts- und Technologietransfer (ZWT) der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg. Mit seinem Team organisiert er den Unternehmenstag, an dem sich pro Jahr 110 Unternehmen den Studierenden vorstellen. „Leider müssen wir pro Jahr etwa einem Drittel der interessierten Firmen absagen“, sagt Scheuer. „Wir achten aber darauf, dass sie im Jahr darauf teilnehmen können.“

Dr.-Ing. Robert Lohoff, inzwischen Leiter der Entwicklung und Validierung von Messverfahren am Forschungszentrum Jülich, nutzte den Unternehmenstag bereits, um Fachkräfte zu finden: „Die Studenten interessieren sich für ausstehende Praktika, die industrienahe Durchführung von Abschlussarbeiten und mögliche Einstiegsmöglichkeiten in eine Firma nach dem Studium.“ Er rät den Unternehmen, Karrieremessen nicht aus als Werbeveranstaltung zu nutzen: „Sie sollten ernsthaft an einer Betreuung oder der Besetzung vakanter Stellen interessiert sein.“

Schon während des Studiums können Unternehmen Studierende als Mitarbeiter gewinnen. „In fast allen Bachelor-Studiengängen gibt es ein Praxissemester“, sagt Scheuer. Die Berater des Career-Service versetzen die Studierenden außerdem in die Lage, Entscheidungen zu treffen. „Bin ich ein Tüftler oder möchte ich ins Marketing? Will ich bei einem Start-up oder Großunternehmen arbeiten? Diese Fragen haben sich viele junge Menschen bereits beantwortet, wenn sie unsere Hochschule verlassen“, sagt Scheuer.

Zusätzlich zu den Unternehmenstagen lassen sich künftige Fach- und Führungskräfte in der Reihe „Karriere am Campus“ kennenlernen. Dort vermitteln Unternehmen in Workshops berufliche Praxis. Über das offizielle Jobportal der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg lassen sich Stellen ausschreiben (www.stellenwerk-bonn-rhein-sieg.de). Und mit dem Deutschland-Stipendium können Unternehmen Studierende fördern, die möglicherweise später bei ihnen arbeiten. Weitere Infos zum Deutschland-Stipendium bei den jeweiligen Ansprechpartnern der Hochschulen (Siehe dazu auch www.ihk-wirtschaft-wissenschaft.de/angebote-der-hochschulen.html).

Unternehmen schaffen Arbeitgebermarke

Der Wettbewerb um die klugen Köpfe wird härter. „Wir erleben einen ‚War of talents’ (Krieg um Talente)“, sagt Susanne Dusel, Head of Career Office der Internationalen Hochschule Campus Studies in Bad Honnef (IUBH), an der Englisch die Campussprache ist. Dusel beobachtet, dass die Unternehmen zunehmend auf Employer Branding setzen, also eine Arbeitgebermarke schaffen.

Zentrale Kontaktbörse der IUBH ist der Career Day, bei dem einige Unternehmen sich mit großen Messeständen präsentieren. In der Mittagspause laden die Studenten des Hotel- und Restaurant-Managements ins hochschuleigene Restaurant zum Lunch ein. Auch bei Assessment Center Trainings gibt die IUBH den Unternehmen die Chance, junge Talente zu beobachten.

Wirtschaft neu denken

Die Alanus Hochschule mit Sitz in Alfter kooperiert mit nachhaltig orientierten Unternehmen, darunter eine Drogeriekette, Start-ups, Biounternehmen und grüne Banken. Forschung und Lehre heben sich von den anderen Hochschulen ab. „Malt einen Tisch, eine Vase und eine Blume.“ So lautet z.B. eine Aufgabe, die ein Kunstdozent Studierenden des Bachelorstudiengangs BWL stellt. Zunächst malen nahezu alle einen Tisch, auf dem eine Vase mit einer Blume darin steht. Reaktion des Dozenten: „Wie lautete die Aufgabe? Es ging um drei Elemente. Versucht es noch einmal.“

Den Studenten wird klar, dass sie ein sehr festes Motiv im Kopf hatten. Sie malen erneut und spielen mit den drei Elementen: In einem Bild balanciert die Vase auf einem Bein des umgedrehten Tisches, in einem anderen hängt die Blume winzig klein links oben in der Ecke. „Wir sind eine Hochschule für Kunst und Gesellschaft. Wir integrieren Kunst ins BWL-Studium, um Denkstrukturen aufzubrechen“, sagt Anna Rühmann, beim Fachbereich Wirtschaft verantwortlich für strategische Partnerschaften und Marketing.

Die Studenten lernen, Wirtschaft neu zu denken. Unternehmen, die mit der Hochschule kooperieren, schließen einen Partnerschaftsvertrag und übernehmen die Studiengebühren für einen Studenten, der während des Studiums 60 Wochen lang in ihrem Unternehmen arbeitet. Auch das ist ein Weg, um an akademische Fachkräfte zu kommen.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

Neue Chance für Studienabbrecher

„Relaunch your career“ heißt das Programm der IHK Bonn/Rhein-Sieg für Studienaussteiger. Sie können in einer verkürzten Turbo-Ausbildung von 18 Monaten folgende Berufe lernen:
• Fachinformatiker/-in für Anwendungsentwicklung oder Systemintegration
• Kauffrau/-mann für Büromanagement

Unternehmen finden über dieses Programm angehende Fachkräfte, die sich sehr bewusst für die Ausbildung entschieden haben. Die Abbruchquote ist dementsprechend gering. Die Auszubildenden bringen Kenntnisse aus dem Studium mit und können schnell als qualifizierte Mitarbeiter eingesetzt werden.

Ausbildungsstart ist jeweils der 1. Februar eines Jahres. Zuvor können Unternehmer bei einem Career-Dating erste Gespräche mit den Bewerbern führen.
Weitere Infos: www.ihk-bonn.de | Webcode 2652