IHK Bonn/Rhein-Sieg

Zeitschrift DIE WIRTSCHAFT

So profitieren Unternehmen von Europa

05.04.2019

Von Außenhandel bis Zollunion

So profitieren Unternehmen von EuropaDie Europäische Union bestimmt unser Wirtschaftsleben tiefgreifend – von Außenhandelspolitik bis Zollunion. Doch wie profitieren Unternehmen von den Entscheidungen aus Brüssel? „Die Wirtschaft“ nimmt die Europawahl am 26. Mai 2019 zum Anlass, Antworten zu liefern.

An die Orgel für ein altes Schloss im schottischen Hochland erinnern Stefan und Thomas Düren, geschäftsführende Gesellschafter der Mathias Düren Transport GmbH & Co. KG, sich besonders gut. „Mitten in den Highlands erreichte unser Lkw einen Tram-pelpfad“, erzählt Thomas Düren. „Von dort wurde die Orgel in Holzkisten verpackt per Hubschrauber weitertransportiert. Ihr Platz ist nun in einem alten Cast-le hoch oben auf einer Klippe.“

Umzüge gehören zum Kerngeschäft der Bonner Spedition Düren: Den kompletten Hausstand eines Spaniers brachte ein 40-Tonner gleich an zwei Stand-orte – ins Stadthaus nach Sevilla und ins Ferienhaus nach La Antilla. Außerdem transportieren die 13 Lkw der Spedition die unterschiedlichsten Waren wie z.B. Gusserzeugnisse in die Niederlande oder Büromöbel für die Bundeswehr nach Frankreich.

„Als es den europäischen Binnenmarkt noch nicht gab, mussten wir unglaubliche Wartezeiten an den Grenzen einkalkulieren“, sagt Stefan Düren, der das 1880 gegründete Unternehmen gemeinsam mit seinem Bruder in der fünften Generation führt.

Offene Grenzen seien für eine Spedition sehr wichtig. „Unser Geschäft ist sehr kurzlebig. Manchmal bekommen wir spontane Anrufe, die Abläufe sind extrem zeitkritisch.“ Umso ärgerlicher ist für Düren, dass Frankreich mit neuen Melderichtlinien neue bürokratische Hürden einführte. So muss jede ausländische Dienstleistung online bei den französischen Behörden angemeldet werden. Die notwendigen Unterlagen sind ins Französische zu übersetzen.

Mathias Düren (M.) mit seinen Söhnen Stefan (l.) und Thomas.Die vierte und fünfte Generation der Spedition Düren: Mathias Düren (M.) mit seinen Söhnen Stefan (l.) und Thomas.

Mit der Folge, dass Aufträge kurzfristig nicht angenommen werden können: „Wir hatten eine Süßigkeiten-Lieferung ins baden-württembergische Bous“, erzählt Jörg Mücke, Disponent bei der Spedition. „Wir hätten nur 30 Kilometer entfernt aus einem französischen Ort auf Paletten verpacktes Baumaterial wieder mit nach Bonn nehmen können. Doch da diese Anfrage kurzfristig kam, hatte der Fahrer die nötigen Formulare nicht dabei. Unser Lkw fuhr leer zurück.“

Absage an den Wilden Westen

Die Erfahrungen der Spedition Düren geben die allgemeine Stimmung der regionalen Wirtschaft bezüglich der Europäischen Union (EU) gut wieder: „Die Unternehmen schätzen den zollfreien europäischen Binnenmarkt, der den Export erleichtert“, sagt Armin Heider, Bereichsleiter Außenwirtschaft der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Sie beschäftigen Fachkräfte wie Lkw-Fahrer oder Pflegekräfte, die aus anderen europäischen Ländern kommen. Sie schätzen die Harmonisierung, die z.B. bei Europaletten und Handelsklassen für gleiche Bedingungen sorgt. Und sie profitieren von EU-Freihandelsabkommen wie CETA mit Kanada und JEFTA mit Japan, welches übrigens das größte Freihandelsabkommen ist, das die EU jemals aus gehandelt hat.“

Dennoch bleiben Hemmnisse wie die Haltung Frankreichs gegenüber der EU-Entsende-richtlinie. „Es kann doch nicht sein, dass Einzelstaaten im Binnenmarkt die Vorteile ins Gegenteil umdrehen“, sagt Stefan Düren. „Da ist mir eine ehrliche Grenze lieber. Dort ist die Bürokratie zwar aufwendiger, doch es gibt keinen Wildwuchs.“

Wildwuchs wollen die EU-Mitgliedsstaaten keineswegs. „Deshalb übertrugen sie die Zuständigkeiten für Außenhandelspolitik, Zollunion, Währungspolitik und Wettbewerbsrecht ausschließlich an die EU“, erläutert Tobias Imberge, Außenhandelsreferent bei der IHK Bonn/Rhein-Sieg.

Bei Binnenmarkt, Sozialpolitik, Umwelt, Verkehr und Verbraucherschutz teilen die Mitgliedsstaaten sich die Kompetenzen mit der EU. Denn die europäischen Nationen sind in vielen Punkten inzwischen vernetzter als ihre Bürger sich klar machen. Imberge: „Nehmen wir nur ein Beispiel aus dem Umweltschutz: Wenn Flüsse wie Donau, Elbe oder Rhein durch mehrere Länder fließen, ist jeder Anrainer für das Wohl aller verantwortlich.“

In Deutschland zugelassen, in allen EU-Staaten auf dem Markt

Doch zurück zur Wirtschaft. „Es gibt kein Land in der EU, in das wir nicht direkt oder indirekt über Partner liefern“, sagt Markus A. Kröll, Marketing- und Vertriebsleiter der MediPac GmbH aus Königswinter. Das Unternehmen hat sich in den vergangenen fünfzehn Jahren auf zwei Produktgruppen spezialisiert: Pharmazeutische Primärpackmittel und Medizinprodukte.

„Die Produktion unserer Medizinprodukte wird vom TÜV-Rheinland zugelassen und regelmäßig über-wacht“, sagt Kröll. „Der Vorteil für uns: Ist ein Produkt einmal in einem EU-Land zugelassen worden und wer-den die regelmäßigen Audits bestanden, können wir es im gesamten EU-Binnenmarkt ohne weitere Barrieren wie z.B. länderspezifische Vorschriften verkaufen.“

Markus A. Kröll, Marketing- und Vertriebsleiter MediPac GmbH, KönigswinterMarkus A. Kröll, Marketing- und Vertriebsleiter MediPac GmbH, Königswinter

Kröll begrüßt Regelungen, die für alle Unternehmen innerhalb der EU gleichermaßen gelten. Allerdings wünscht er sich von der EU mehr Augenmaß bei un-nötigem Verwaltungsaufwand.Die aufwendige Dokumentation von Qualitätsüberwachung und Risiko-analysen könne KMU schnell überfordern, ohne die Produktsicherheit auch nur im geringsten zu erhöhen.

Wie viele andere Vertriebsleiter kann Kröll noch nicht einschätzen, wie stark der Brexit MediPac treffen wird: „Ob es für uns zu einem Umsatzrückgang kommt, ist noch offen.“ Ohne den Briten etwas Böses zu wollen hofft er allerdings, dass Großbritannien ein abschreckendes Beispiel für mögliche andere abtrünnige EU-Mitgliedsstaaten ist. Kröll befürwortet die harte Haltung der EU in Bezug auf Nachverhandlungen.

Das Beispiel Brexit macht deutlich, dass eine Nation ihrer Wirtschaft enorm zusetzen kann, wenn sie aus der EU ausschert. Der Verlust von Wohlstand und Arbeitsplätzen zeichnet sich im Vereinigten Königreich ab. Alleingänge schaden, denn die europäischen Nationen hängen wirtschaftlich inzwischen stark voneinander ab. Die Strategie früherer Machthaber, sich über einen Krieg innerhalb von Europa neue Märkte zu sichern, würde heute ins Leere laufen. Stattdessen sind der Frieden in Europa, die offenen Grenzen und der Euro die großen Errungenschaften der Europäischen Union.

Erst im Januar 2019 unterzeichneten Bundeskanzlerin Angela Merkel und der französische Staatspräsident Emmanuel Macron den Deutsch-Französischen Freundschaftsvertrag. Sie erneuerten damit den Elysée-Vertrag von 1963. Nach langer Erbfeindschaft und mehreren verlustreichen Kriegen hatten die bei-den Staatsmänner Konrad Adenauer und Charles de Gaulle damals den Grundstein für die Säule gelegt, die Europa bis heute trägt.

In mehreren Sprachen unterwegs

Davon profitiert auch die Henrich Baustoffzentrum GmbH & Co. KG. Im Siegburger Stammhaus ist Friedrich Backhausen der Spezialist für den Export nach Europa. Der Bilanzbuchhalter (IHK) und Controller schüttelt unterschiedliche Mehrwertsteuersätze locker aus dem Ärmel: „Es gibt immer wieder Sondersätze. In Luxemburg werden Bauherren z.B. nur drei Prozent Mehrwertsteuer berechnet“, erläutert er.

Das Henrich Baustoffzentrum hat inzwischen zwölf Standorte, darunter in Gerolstein und Bitburg. „Von Gerolstein aus liefern wir Artikel wie Betonteile, Fliesen oder Dachrinnen nach Belgien. In Bitburg kommen Kunden aus Luxemburg und sogar Frankreich“, sagt Backhausen.Für ihn bedeutet der Handel mit EU-Ländern, in mehreren Sprachen zu kommunizieren.

Friedrich Backhausen, Finanzbuchhalter und Controller Henrich Baustoffzentrum GmbH & Co. KG, SiegburgFriedrich Backhausen, Finanzbuchhalter und Controller Henrich Baustoffzentrum GmbH & Co. KG, Siegburg

„In Belgien wird die Mehrwertsteuererklärung in Französisch oder Flämisch akzeptiert, in Luxemburg in Deutsch, Englisch oder Französisch.“ An den Standorten in der Eifel habe sich das Geschäft von Anfang an gut entwickelt. „Wir haben 2002 in Gerolstein eröffnet und schon tauchten die ersten Kunden aus Belgien und Luxemburg auf. Beratung und Preis stimmten. Anschließend folgte Bitburg. Auch dort hat sich das Geschäft intensiviert.“

An Unternehmen wie dem Henrich Baustoffzentrum zeigt sich, dass die Kritik, die Bundesrepublik Deutschland zahle als Nettozahler viel zu viel Geld in die EU ein, zu kurz greift. Ja, die deutschen Steuer-zahler zahlen pro Jahr etwa 12 Milliarden Euro mehr in den Haushalt der Europäischen Union ein als sie empfangen. Das entspricht etwa einem Brötchen (40 Cent) pro Tag und pro Einwohner. Doch die Summen sind gut investiert.

„Der europäische Binnenmarkt wächst. Vor allem mit den mittel – und osteuropäischen Staaten, die 2004 und 2007 beitraten, vervielfachte sich der Handel, sagt Armin Heider, Bereichsleiter Außenwirtschaft der IHK Bonn/Rhein-Sieg. „Es lohnt sich also, in den Aufbau von Infrastruktur wie z.B. Straßen, Schienen und Stromnetzen zu investieren. So wachsen Handelspartner heran.“

Mobilfunkblocker für die Justiz

Die Gerdes AG aus Meckenheim fand einen Handelspartner in Polen. Das Unternehmen setzt illegalen Handy-Telefonaten aus dem Strafvollzug eine wirkungsvolle Waffe entgegen. Denn es ist verboten, im Gefängnis ein Handy zu besitzen oder zu nutzen. Zu groß ist die Gefahr, dass Zeugen aus der Untersuchungshaft unter Druck gesetzt oder kriminelle Geschäfte von der Zelle aus koordiniert werden. Dennoch spüren speziell ausgebildete Hunde immer wieder eingeschleuste Handys in Justizvollzugsanstalten auf – weltweit.

Die Gerdes AG, die seit 1989 sicherheitstechnische Lösungen für die Telekommunikation anbietet, entwickelte „MobileWall“. Diese Technologie entdeckt und eliminiert unerlaubte mobile Kommunikation – ob in der JVA, im Gerichtssaal oder im Polizeigebäude. Bevor eine Blockade eingerichtet werden kann, müssen allerdings die Behörden zustimmen. In Deutschland stellt die Bundesnetzagentur sicher, dass der Mobilfunk nicht auch an umliegenden Orten unterbrochen wird.

Der deutsche Markt ist für MobileWall zu klein, selbst Europa bleibt überschaubar. „Wir haben lei-der nicht den Luxus, uns die Länder aussuchen zu können, in denen wir an Ausschreibungen teilnehmen“, sagt Stefan Martinstetter, Vorstandsmitglied der Gerdes AG. Die Kunden seien neben Polen z.B. in Skandinavien, der Schweiz und den USA.

Stefan Martinstetter, Vorstandsmitglied der Gerdes AG, MeckenheimStefan Martinstetter, Vorstandsmitglied der Gerdes AG, Meckenheim

Bei Zollformalitäten, Betriebsgenehmigungen und Entsenderichtlinien stellt Martinstetter je nach Lieferziel spürbare Unterschiede fest. Es sei deutlich einfacher, in die EU zu liefern als in Drittstaaten: „Wir freuen uns auch über Aufträge aus der Schweiz. Aber für ein Unternehmen unserer Größenordnung mit knapp 40 Mitarbeitern wäre es eine spürbare Arbeitsvereinfachung, wenn wir alle Länder nach den EU-Regularien bedienen könnten.“

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn