IHK Bonn/Rhein-Sieg

Zeitschrift DIE WIRTSCHAFT

Programmüberblick: Hier fördert die EU

05.04.2019

#GemeinsamEuropaGestalten

#GemeinsamEuropaGestaltenOperiert ein Gehirnchirurg einen Tumor aus dem Kopf eines Patienten, besteht das Risiko, auch gesundes Gewebe ungewollt zu entfernen. Damit das nicht geschieht, lassen sich kritische Areale zuvor bei der OP-Planung digital markieren. Später sieht der Operateur auf einem Bildschirm, wo er schneidet. Nähert er sich den kritischen Arealen, wird er informiert.

Dies ist nur ein Beispiel für medizinische Navigationssysteme, wie die Localite GmbH sie entwickelt. Das Unternehmen, das erst vor kurzem von Sankt Augustin nach Bonn zog, wurde 2001 als GmbH aus der früheren Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (gehört heute zur Fraunhofer Gesellschaft) ausgegründet. Es entwickelt medizinische Assistenzsysteme für Forschung und Klinik.

Internet der Dinge im Operationssaal

Im Operationssaal ist ein Navigationssystem nur eines von vielen Geräten. Um es mit anderen zu vernetzen, sind Schnittstellen notwendig. Doch es ist nicht selbstverständlich, dass diese Schnittstellen standardisiert sind und ohne weiteres mit anderen Geräten kombiniert werden können. Hier setzt das von der EU geförderte Forschungsprojekt ZiMT an, es steht für „Zertifizierbare integrierte Medizintechnik und IT-Systeme auf Basis offener Standards in Operationssaal und Klinik“.

„Bei ZiMT geht es darum, Konzepte für die Vernetzung von medizinischen Geräten zu erarbeiten, zu evaluieren und mit bestehenden Normen zu synchronisieren“, sagt Sven Arnold, einer der drei geschäftsführenden Gesellschafter von Localite. „Wir setzen uns dafür ein, dass Schnittstellen zwischen den Geräten auf offenen Standards basieren, so dass Geräte von verschiedenen Herstellern verknüpft werden können.“

Sven Arnold, geschäftsführender Gesellschafter von LocaliteSven Arnold, geschäftsführender Gesellschafter von Localite

Die Vorteile dieses Internet der Dinge im OP ergeben sich für Kliniken und Hersteller: Eine Klinik kann Spezialgeräte anschaffen und sicher davon ausgehen, dass sie im OP integrierbar sind. Außerdem spart es Platz im engen OP, wenn die Informationen aus mehreren Geräten auf einem einzigen Bildschirm dargestellt werden können. Für die Hersteller vergrößert sich der Kundenkreis automatisch, wenn sie standardisierte Produkte anbieten.

Das Projekt wird drei Jahre lang vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Localite stemmt es nicht allein. „Wir wurden von früheren Partnern auf die Fördermöglichkeit aufmerksam gemacht“, sagt Arnold. „ZiMT ist ein Verbundprojekt mit vier Industriepartnern und drei Kliniken. Hinzu kommen fast 20 assoziierte Partner, die keine Fördermittel erhalten, aber an den Ergebnissen interessiert sind.“

81 unterschiedliche EU-Förderprogramme

Der Zusammenschluss mehrerer Unternehmen und Institutionen ist vor allem für Unternehmen rat-sam, die bisher keine EU-Förderung beantragt haben. „Als Neuling sollte man sich Partner suchen. Denn häufig sind die Themen so komplex, dass ein einzelnes Unternehmen sie kaum bearbeiten kann. Oft sind EU-erfahrene Unternehmen, Universitäten oder Technologie-Institute die Treiber“, sagt Verena Würsig, Teamleiterin EU- und Außenwirtschaftsförderung der NRW.BANK.

Verena Würsig, NRW.BANKVerena Würsig von der NRW.BANK berät Unternehmen zu EU-Fördermitteln

Der Idee, EU-Fördermittel als allgemeine Unternehmensinvestition – z.B. für eine neue Maschine – zu beantragen, erteilt Würsig eine Absage: „Das Geld darf nur zum Erreichen des förderfähigen Projekt-ziels  eingesetzt werden. Neue Entwicklungen und Innovationen sollen so zielgerichtet auf den Weg gebracht werden, um im internationalen Wettbewerb, z.B. mit China oder den USA, mithalten zu können.“

Die Förderdatenbank des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie nennt 81 EU-Förderprogramme. Welches ist für ein Unternehmen da das richtige? Würsig empfiehlt, sich an einen Berater von NRW.Europa (https://nrweuropa.de) zu wenden. Dieses Konsortium aus NRW. BANK, ZENIT GmbH und der NRW.International GmbH hat die Aufgabe, NRW-Unternehmen den Zugang zu EU-Fördermitteln zu erleichtern.

„Kommt ein Unternehmen zu uns, schauen wir zunächst, welchen konkreten Unterstützungsbedarf es überhaupt hat. Dann stellt sich die Frage, um welches Förderprogramm oder -instrument  es geht. Es gibt z. B. Programme, die einen Branchenfokus haben.“

Würsig macht den Unternehmen bewusst, dass sie bei Programmen auf EU-Ebene in Konkurrenz zu Projekten aus 27 anderen Ländern stehen. Auch rät sie dazu, die Anträge vollständig auszufüllen. „Schon wenn Angaben in einer Zeile fehlen, wird der Antrag zurückgeschickt.“

Der Aufwand sei nicht zu unterschätzen, dennoch macht die Außenwirtschaftsexpertin den Unternehmen Mut: „Die Projekte haben für die Unternehmen einen hohen Mehrwert. Das können z.B. grenz-überschreitende Kontakte sein, die für die unternehmerische Entwicklung über das konkrete Projekt hinaus wertvoll sind. Oftmals nutzen Unter-nehmen die Projektergebnisse auch bei der Weiterentwicklung ihrer eigenen Produkte.“

Kochen bei Alfonso XIII

Gabriele Diehl nutzt eine EU-Förderung für junge Menschen. Zur Zeit ist die Auszubildende des vegetarischen Bonner Restaurants CassiusGarten über das Programm Erasmus+ Praktikantin in der Küche des Hotels Alfonso XIII mitten in der Altstadt von Sevilla. Als die angehende Köchin dort ihren ersten Arbeitstag hatte, wurde sie von ihrem neuen Chef mit Küsschen links und Küsschen rechts begrüßt. Das war ungewohnt. Doch nach wenigen Wochen hatte sie sich an die sehr entspannte Art der Kollegen untereinander gewöhnt. Auch den spanischen Küchenjargon konnte sie bald verstehen.

Gabriele DiehlErasmus+: Die Auszubildende Gabriele Diehl macht ein Praktikum in Sevilla

„Ich habe mich für Sevilla entschieden, weil ich Spanisch im Abitur hatte. Ich war schon zweimal in Spanien und habe hier bereits in der Gastronomie gearbeitet“, sagt die 28-jährige. Ein Praktikum hätte sie in jedem Fall machen müssen, wie Jan Lüth, Geschäftsführer des CassiusGarten erläutert: „Als vegetarisches Restaurant haben wir einen Passus in unseren Ausbildungsverträgen, dass die zukünftigen Köche jeweils ein dreimonatiges Praktikum in einem Restaurant machen müssen, das Fleisch verarbeitet.“

Erasmus+ richtet sich an Auszubildende, Berufsfachschüler und Studenten, die andere Kulturen und Arbeitswelten kennenlernen möchten. Diehl erhält für drei Monate insgesamt knapp 3.000 Euro. „Ohne diese Unterstützung hätte ich das Praktikum zumindest nicht in diesem Rahmen machen können“, sagt sie.

In Sevilla erlebt sie nicht nur eine andere Kultur, sondern auch eine ganz andere Küche. „In Südspanien werden viele Speisen so zubereitet, dass sie bei großer Hitze nicht verderben. Es wird viel mehr frittiert als in Deutschland, Obst und Gemüse stehen kaum auf der Speisekarte“, erzählt sie. Die strikte Vegetarierin entdeckt neue Gerichte, wie z.B. Salmorejo – eine kalte Tomatensuppe mit Olivenöl und Knoblauch. Eine Vorspeise, die auch in den CassiusGarten passt.

Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn

Infos zu Förderprogrammen

Einen Überblick über die EU-Förderprogramme bieten die Homepages www.eu-info.de/foerderprogramme der Gesellschaft Euro-Informationen (GbR) sowie die Förderdatenbank des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unter www.foerderdatenbank.de

Die Leitmarktagentur.NRW prüft Anträge für Förderungen aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE). Sie hat ihren Sitz im Forschungszentrum Jülich. www.leitmarktagentur.nrw

Erasmus für Jungunternehmer ist ein europäisches Austauschprogramm. Es bietet Gelegenheit, von einem erfahrenen Unternehmer im Ausland zu lernen. www.erasmus-entrepreneurs.eu

Die Mobilitätsberatung der IHK Köln berät rund um das Thema „Auslandsaufenthalte für Auszubildende und junge Fachkräfte“. Ein Infoblatt des Programms „Berufsbildung ohne Grenzen“ gibt es zum Download hier (PDF; 245 KB)