IHK Bonn/Rhein-Sieg

Zeitschrift DIE WIRTSCHAFT

Eine feste Verbindung: Plarad – Maschinenfabrik Wagner

13.12.2018

Das besondere Unternehmen

Plarad - Maschinenfabrik WagnerSeit 56 Jahren entstehen in Much, abseits der großen Verkehrsknotenpunkte und Metropolen, Verschraubungswerkzeuge für höchste Ansprüche. Die Maschinenfabrik Wagner wächst und vertreibt seine Produkte unter dem Markennamen „PLARAD“ weltweit. Einsatzgebiete sind etwa der Bau von Windkraftanlagen, Pipelines oder Industrieparks – alles also, wo feste Verbindungen mit großen Schrauben gefragt sind.

Der Herbst ist die Zeit des Reifenwechsels. Längst nicht jeder fährt dazu in eine Werkstatt. Landauf landab betätigen sich die Menschen im November mit Wagenheber und Kreuzschlüssel, lösen Schrauben und drehen sie beherzt wieder an. Dabei erreichen sie durchschnittlich ein Drehmoment von 150 Newtonmetern (Nm).

Wenn Nalan Baykal-Schneider diese Zahl hört, muss sie lächeln. 150 Nm sind für die Maschinenfabrik Wagner kein Thema. „Ab dem Zehnfachen wird’s interessant für uns“, sagt die Marketingleiterin. Freilich ist schon das eine Größenordnung, die ein Mensch mit Körperkraft nicht erreichen kann, es sei denn, ihm stünde ein riesiger Hebel von mehreren Metern Länge zur Verfügung. Andererseits: Im privaten Haushalt ist ein höheres Drehmoment auch gar nicht erforderlich, im Gegenteil: Wer jemals eine haushaltsübliche Schraube zu fest angezogen hat, weiß, was passiert: Die Schraube geht kaputt. Oder das Material, in dem die Schraube steckt, bekommt Risse.

Die Verschraubungsgeräte aus Much sind auch gar nicht für den privaten Bedarf konzipiert. Sondern kommen erst zum Einsatz, wenn der Gewindedurchmesser einer Schraube größer als 2,4 Zentimeter ist. Derartige Schrauben sucht man zu Hause vergebens, auch die Pkw-Räder halten mit Schrauben von deutlich geringerem Durchmesser.

„Aber stellen Sie sich mal ein Windrad vor“, sagt Baykal-Schneider. Die Höhe des Turms kann bis zu 130 Meter und mehr betragen und besteht aus mehreren Bauteilen. Fixiert werden diese Baukörper aneinander mittels Flansch-Verbindung, Schrauben und Muttern. „Je nach Größe eines Windrades werden mehr als 1.000 Schrauben benötigt“, erläutert die Marketingleiterin. Diese sind gut und gerne drei, vier Zentimeter dick – und benötigen, um den enormen Kräften standzuhalten, denen ein Windrad ausgesetzt ist, bei der Fixierung ein Drehmoment von mehreren tausend Nm.

Am Anfang war – und ist – das Planetenradgetriebe

Auf Maschinen, die das und viel mehr können, hat sich die Maschinenfabrik Wagner spezialisiert. Bekannt ist das Mucher Unternehmen unter dem Markennamen „PLARAD“, eine vom Firmengründer Paul-Heinz Wagner eingeführte Abkürzung des Wortes „Planetenradgetriebe“. Diese spezielle Art eines Zahnradgetriebes hat Wagner nicht erfunden, sich aber für die ersten von ihm entwickelten Verschraubungsgeräte zunutze gemacht. Die spezielle Anordnung der Zahnräder ermöglicht große Übersetzungsstufen und enorme Drehmomente, da die einzelnen Elemente die Leistung teilen und übertragen. Die Kraft wird vervielfältigt.

Dieses Prinzip nutzen die Konstrukteure in Much auch heute noch. Je nach Einsatzgebiet und erforderlicher Kraft werden die PLARAD-Maschinen dabei von elektrischem Strom, hydraulisch oder pneumatisch angetrieben. Die stärksten Verschraubungsmaschinen schaffen ein Drehmoment von 150.000 Nm – tausend Mal so viel wie ein Mensch.

Produktmanager Mathias Welle hat für den Besucher aus Bonn eine kleine Vorführung vorbereitet. Eine Schraube mit einem Gewindedurchmesser von rund 2,5 Zentimetern soll im dafür vorgesehenen Loch einer Metallplatte mit einer Mutter verschraubt werden. Das Gerät der Wahl: der neue elektrische Drehschrauber „DE1 plus“.

Der Autor legt los und staunt: Der Drehschrauber klingt wie ein Staubsauger und erzeugt vermutlich mehr als 1.000 Umdrehungen pro Minute. Aufgrund der speziellen Getriebetechnik kommt davon im Schraubaufsatz aber nur eine ganz gemächliche Drehung an, sanft und gleichmäßig kommen sich Schraubkopf und Mutter näher. Das Drehmoment beträgt 850 Nm.

Das Werkzeug ist aber nicht nur mechanisch beeindruckend, sondern auch elektronisch. „Natürlich können Sie nicht nur das Drehmoment vorher präzise festlegen“, erzählt Welle, „sondern das Gerät dokumentiert elektronisch jede einzelne vom Kunden getätigte Verschraubung.“ Darüber hinaus ermögliche es, die gewonnenen Daten auf einfache und komfortable Art per W-Lan an das kundeneigene Netzwerk zu übertragen. Welle demonstriert dies mithilfe eines Tablets. „Das sorgt für eine enorme Verbesserung der Prozesse und garantiert eine sehr hohe Qualität der Arbeiten“, ergänzt Petra Hemming, Managerin Market Communication, die bei der kleinen Vorführung dabei ist.

Dies alles ist notwendig, denn bei der Art der Anwendung können sich die Monteure das Prinzip „Pi mal Daumen“ nicht leisten. Im Grunde ist es wie im Privathaushalt, bloß folgenreicher: Wird die Schraube zu fest angezogen, kann sie selbst oder das Material, in dem sie steckt, in Mitleidenschaft gezogen werden. Bleibt sie zu locker, kann sich die Verbindung mit der Zeit bei regelmäßiger Beanspruchung lösen.
Doch nicht nur Präzision kennzeichnet die Produkte von PLARAD. Sondern auch Individualität. „Wir schneiden unser Angebot exakt auf die Bedürfnisse unserer Kunden zu und implementieren deren Anforderungen in unsere Technik“, teilt Dr. Klaus Rodemann, Geschäftsführer des Unternehmens, mit.

Windräder, Baumaschinen, große Pipelines

In 56 Jahren hat sich PLARAD ein breites Einsatzspektrum seiner Verschraubungslösungen erschlossen. Hauptfokus ist die Windkraft. „Hier profitieren wir gleich dreifach“, so Rodemann, „nämlich bei der Produktion der Anlagen und Komponenten, bei der Aufstellung der Anlage sowie bei Service und Wartung.“
Weitere wichtige Anwendungsbereiche für PLARAD-Werkzeuge: Baumaschinen sowie der Energiesektor insgesamt – von Pipelines über Raffinerien bis zu Förderplattformen. Die Kunden verteilen sich über sämtliche Kontinente, weshalb PLARAD in vielen Ländern Handelspartner hat und in China, Großbritannien, Italien und der Türkei sogar eigene Vertriebs- und Serviceniederlassungen unterhält.

Um Platz für die Beschäftigten, aber auch die Produktion zu schaffen, erweiterte das Unternehmen vor drei Jahren seinen Standort. Es behielt den Traditionssitz in einer alten Schule aus dem 19. Jahrhundert bei und erwarb 250 Meter weiter ein zusätzliches Grundstück, auf dem weitere 1.000 Quadratmeter Büros und 800 Quadratmeter Bürofläche entstanden. Um Fachkräftenachwuchs zu finden, setzt PLARAD nicht nur auf Ausbildungsmessen und klassische Akquise.

„Wir haben eine KURS-Partnerschaft mit der Gesamtschule Much“, erzählt Baykal-Schneider. Die Abkürzung steht für „Kooperationsnetze Unternehmen der Region und Schulen“, eine inzwischen schon seit fast 20 Jahren bestehende Initiative der Industrie- und Handelskammern Aachen, Bonn/Rhein-Sieg und Köln sowie des Instituts Unternehmen und Schule. Zentrale Aufgabe ist die Zusammenführung von Unternehmen und benachbarten Schulen in Form von Lernpartnerschaften. Zwei seiner fünf aktuellen Azubis hat PLARAD im Zuge dieser Zusammenarbeit gewinnen können.

Bekenntnis zum Standort Much

Wie Rodemann berichtet, ist die Fluktuation äußerst gering: „Die Verbundenheit der Kolleginnen und Kollegen mit dem Unternehmen ist schon als außergewöhnlich zu bezeichnen.“ Dies und die eigene Nachwuchsarbeit sorgten bisher dafür, dass das Unternehmen vom Fachkräftemangel verschont blieb.

„Das ist umso erfreulicher, als unser Standort Much – nüchtern betrachtet – nicht im direkten Umfeld von infrastrukturellen Knotenpunkten liegt“, sagt Rodemann. „Aber durch die langjährige Fokussierung auf diesen Standort sind wir ein Teil dieser Region geworden. Die Investitionen der vergangenen Jahre würden dies unterstreichen. „Wir bekennen uns“, gibt Rodemann auch die Haltung des Gesellschafters und der beiden Gesellschafterinnen wider, „zu diesem Standort
und den Menschen hier.“

Much und PLARAD, könnte man in Anspielung auf den Geschäftsgegenstand des Unternehmens sagen, ist offenbar eine feste und erfolgreiche Verbindung.


Lothar Schmitz, freier Journalist, Bonn

PLARAD - Maschinenfabrik Wagner GmbH & Co. KG
Logo Plarad
Gesellschafter:
Claudia Beyert-Wagner, Bernd Thelen, Martina Wagner-Kürten
Geschäftsführer seit 2012: Dr. Klaus Rodemann
Hauptsitz: Much, Vertriebs- und Serviceniederlassungen: China, Großbritannien, Italien, Türkei
Handelspartner: weltweit
Mitarbeiter: 150 Beschäftigte, davon 135 in Much; davon fünf Auszubildende
Markenname: PLARAD (Abkürzung für „Planetenradgetriebe“ – eine der Basistechnologien der von der Maschinenfabrik Wagner hergestellten Werkzeuge)
Produkte: elektrische und pneumatische Drehschrauber, Akku-Drehschrauber, hydraulische Drehmomentschrauber, elektrische und pneumatische Hydraulikaggregate, Prüf- und Messtechnik, manuelle Kraftvervielfältiger, Spannzylinder
Einsatzgebiete: Windkraft, Energie/Kraftwerke, Verkehrstechnik, Maschinen- und Stahlbau, Wasser/ Öl/Gas/Chemie
Internet: www.plarad.de