IHK Bonn/Rhein-Sieg

Zeitschrift DIE WIRTSCHAFT

„Die EU sollte KMU stärker in den Blick nehmen.“

05.04.2019

Interview mit Dr. Günter Lambertz, DIHK-Bereichsleiter, Brüssel

Dr. Günter Lambertz, DIHK-Bereichsleiter in BrüsselGüter, Dienstleistungen, Menschen und Kapital können die Grenzen innerhalb der Europäischen Union ohne Schranken passieren. Diese vier Grundfreiheiten machen den europäischen Binnenmarkt zum Herzstück der EU. Sie sind aus Sicht der Wirtschaft nicht verhandelbar. Dennoch fürchten viele Unternehmen neue Hindernisse und Einschränkungen – nicht nur wegen des Brexit.

Was kann der DIHK in Brüssel für die Mitgliedsunternehmen der IHK-Organisation tun? Darüber sprach „Die Wirtschaft“ mit Dr. Günter Lambertz, Bereichsleiter des DIHK in Brüssel.

Am 26. Mai ist Europawahl. Was ist der dringendste Wunsch des DIHK an das neue Europäische Parlament?

Wir haben Anfang des Jahres unsere europapolitischen Positionen in Brüssel präsentiert. Sie fassen in 21 Kapiteln zusammen, was wir von der EU erwarten. Wie ein roter Faden zieht sich ein Wunsch durch: Bei allen Vorhaben, die die Wirtschaft betreffen, soll die EU nicht nur die Großunternehmen in den Blick nehmen, sondern auch die vielen kleinen und mittleren Unternehmen. Sie bilden das Rückgrat der deutschen Wirtschaft.

Sie könnten z.B. bei Statistiken oder Rechtsvorschriften ganz ausgenommen werden. Es war ein Kardinalfehler, sie bei der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) nicht auszunehmen. Man wollte die Großen treffen, nun trifft der geballte Unmut der Kleinen die EU.

Sowohl die USA als auch Großbritannien handeln protektionistisch, sie wollen ihre heimische Wirtschaft stärken. Wie bewertet der DIHK diese Tendenz?

Wir sehen das mit sehr großer Sorge. Wir sind nach wie vor davon überzeugt, dass ein regelbasiertes Welthandelssystem allen zugutekommt. Protektionistische Tendenzen nutzen niemandem, allenfalls kurzfristig. Die Wirkungen sind langfristig verheerend, weil es immer wieder Gegenmaßnahmen geben wird. So entsteht ein Dickicht von Regelungen, die von kleineren Unternehmen überhaupt nicht beherrscht werden können. Das mindert ihre internationalen Chancen.

Kann Europa den Handelskonflikt zwischen China und den USA für sich nutzen?

Es gibt bei Handelskonflikten immer Profiteure, weil Handelsströme umgelenkt werden. Wenn die Chinesen spezielle Güter nicht mehr in die USA liefern würden, könnten europäische Unternehmen die Nachfrage ausfüllen. Zumindest gingen die Preise dann hoch. Doch das sind kurzfristige Dinge, auf die Unternehmen sich bei ihrer mittelfristigen Strategie nicht verlassen können.

Was empfehlen Sie deutschen Unternehmen, die mit Großbritannien Geschäfte machen, angesichts des Brexits?

Je früher Unternehmen sich mit dem Thema befassen und je intensiver sie sich informieren, desto geringer sollten die Übergangsprobleme sein. Jedes Unternehmen sollte individuell für sich abchecken, wo die Risiken liegen, ob beim Zoll, beim Transport oder der Personenfreizügigkeit. Selbst wenn wir am Ende ein Freihandelsabkommen haben werden – auf das wir alle hoffen –, wird es nicht mehr so sein wie zu EU-Zeiten. Zwar treiben unsere Unternehmen auch mit anderen Drittstaaten Handel. Doch nach 40 Jahren EU-Mitgliedschaft Großbritanniens haben wir uns an vieles gewöhnt. So werden die Zollformalitäten das Geschäft erschweren.

Wie gut hat Europa die Schuldenkrise verarbeitet?

No-Performing-Loans, also Kredite, die nicht mehr oder unzureichend bedient werden, sind zurückgegangen. Ebenso die Haushaltsdefizite. Obwohl Frankreich und Italien noch über dem Drei-Prozent-Kriterium liegen, ist die Entwicklung heute besser als vor zehn Jahren. Wobei man sich immer mehr wünschen kann.

Stichwort Bürokratie: Ein Bonner Umzugsspediteur erzählt, dass es keinen Spaß mehr mache, Umzüge nach Frankreich anzubieten. Was kann der DIHK ihm antworten?

Da gebe ich ihm Recht. Diese Entwicklung besorgt uns auch. Frankreich und auch Österreich erschweren die grenzüberschreitenden Dienstleistungen und drehen damit den Gedanken des Dienstleistungsbinnenmarktes zurück. Frankreich führte neue Melderichtlinien ein, um Lohndumping zu verhindern. So sollten z.B. Maurerkolonnen aus Südosteuropa, die ohne Sozialabgaben und Mindestlohn arbeiten, gestoppt werden. Auch hier ist wieder der grundsätzliche Fehler geschehen: Man will einen Missstand bekämpfen und trifft neue Regelungen, die alle Unternehmen belasten, gleich welcher Branche oder Größe.

Sie sind in Europa viel unterwegs. Daher zum Schluss eine persönliche Frage: Wo liegt Ihr Lieblingsplatz in Europa?

Nida auf der Kurischen Nehrung. Einst verbrachte Thomas Mann hier manchen Sommer, heute gehört es wieder zum freien Europa und ist eine Reise wert.

Das Interview führte Ursula Katthöfer, freie Journalistin, Bonn